Rijksmuseum Twenthe - Het kunstmuseum van Enschede

Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und die Entdeckung der Welt

Vom 7. Septmber bis zum 4. Januar 2015. Nach Permeke und den flämischen Expressionisten und Rubens, Van Dyck, Jordaens - Der flämische Barock präsentiert das Rijksmuseum Twenthe mit Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und die Entdeckung der Welt den letzten Höhepunt der prestigeträchtigen, dreiteiligen Zusammenarbeit mit dem Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen (KMSKA). 20 Werke aus dem fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert aus der Sammlung des Antwerpischen Koninklijk Museum von van Eyck, van der Weyden, aber auch von Memling, Metsijs, Gerard David und vielen anderen – werden bereichert mit Höhepunkten aus der eigenen mittelalterlichen Kollektion.

Religiöse Fundamentalisten

Die Menschen des Mittelalters waren religiöse Fundamentalisten: was in der Bibel stand, entsprach ohne Wenn und Aber der Wahrheit. Niemand im 15. Jahrhundert zweifelte daran, dass Gott den Menschen erschaffen hat und ihm das Paradies auf Erden schenkte. Doch dann pflückte Eva die verbotene Frucht, Adam biss hinein, und das Spiel war aus. Aber in seiner unendlichen Güte schickte Gott seinen Sohn auf die Erde. Denn wer Jesus als Vorbild nachlebt, wird nach dem Jüngsten Gericht mit einem Platz im Himmel belohnt werden: nämlich im wiedererrichteten Paradies.

Die Erkenntnis vom Ende

Für die Menschen des fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhunderts ist dies der Dreh- und Angelpunkt, der Kern des Lebens, genauso sicher und unangefochten wie die Evolutionslehre von heute. Der Mensch im Mittelalter reitet auf den Wellen der Heilsgeschichte und lebt sein Leben im ständigen Bewusstsein eines bevorstehenden Endes.


Hilfestellung beim Beten

Der Malerei fällt dabei eine besonders wichtige Rolle zu. Die Gemälde erinnern den Gläubigen nicht nur fortdauernd an die großen, religiösen Geschichten: sie helfen auch beim Beten. Außerdem geben sie dem Gläubigen auch die Möglichkeit, sich selbst in der Gesellschaft der Heiligen zu sehen, bei der Heiligen Jungfrau, oder auch bei Jesus selbst. Mit den Gemälden als himmlische Hilfsmittel für das Seelenheil sprechen die Menschen auf diese Weise ihre Gebete.


Eine besorgte Mama und ein liebender Gott

Dabei tritt der gemalte Gott nicht länger als ein strenger Herrscher und Maria auch nicht als distanziert zurückhaltende Madonna auf. Sie verändert sich in eine liebende, zärtliche und besorgte Mama, und später in eine heftig trauernde Frau. Christus selbst wird ein Mann aus Fleisch und Blut, auf dessen Haut der Schweiß tropft, der blutet und dabei höllische Qualen erleidet. Die Konfrontation mit der Menschlichkeit Jesu und seiner Mutter machen es dem Gläubigen leichter, sich in das Mysterium des Glaubens hineinzuversetzen. Aber gleichzeitig schrumpft auf diese Weise die Kluft zwischen Himmel und Erde. Dieses Gefühl wird noch verstärkt durch den Gedanken, dass alles auf der Erde – vom höchsten Baum bis zur kleinsten Butterblume – von Gott erschaffen wurde. Aber Gott offenbart sich selbst auch im Glanz einer Perle und im göttlichen Licht, welches in Edelsteinen reflektiert wird. Genau deshalb wird es ab dem 15. Jahrhundert so wichtig die Wirklichkeit bis ins kleinste Detail in der Malerei wiederzugeben.


Leidenschaft für Details

Obwohl die Gemälde von Jan van Eyck noch am Anfang dieser „ars nova“ - der „neuen Kunst“ - stehen, formen sie gleichzeitig den wesentlichen Höhepunkt. Van Eycks „Madonna am Brunnen“ ist zwar durchdrungen von Symbolik, aber es ist gleichzeitig auch ergreifend, wiedererkennbar und beinahe obsessiv detailliert: van Eyck malt mit einem gnadelos analytischen Blick. Es ist genau die Faszination für die Wirklichkeit, die im Laufe der darauf folgenden Jahrhunderte dafür sorgen wird, dass die tiefreligiöse Welt langsam, quälend langsam, zerbröckelt. Aus einem aufrecht religiösen Gefühl wurde die Welt entdeckt, aber in dieser Welt scheint man Gott letztendlich nirgends finden zu können. Ein Grashalm ist einfach ein Grashalm, und kein kosmisches Zeichen eines unsichtbaren Gottes. In diesem Sinne legen van Eyck und seine Gleichgesinnten unbewusst den Grundstein für die Säkularisierung der Welt. Auch die Geschichte ist nicht frei von Ironie.


Publikationen zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint ein Buch worin sich acht Kunsthistoriker, Philosophen und Schriftsteller zu den Entwicklungen in der Kunst des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts äußern. Stück für Stück tragen ihre Texte wie Puzzelstücke zu einem besseren Verständnis von diesem Wendepunkt in der Kunstgeschichte bei, worin die Wirklichkeit zum ersten Mal seit dem Altertum aufs Neue der unvermeidliche Eichpunkt in der bildenden Kunst wird. Denn genau hier, in diesem weit entfernten, beinahe exotischen und märchenhaften Mittelalter, liegt die Wurzel der Gesellschaft so wie wir sie heute noch immer kennen.