Rijksmuseum Twenthe - Het kunstmuseum van Enschede

Johann Friedrich August Tischbein (1750-1812) und die Entdeckung der Empfindung

Vom 7. September bis zum 20. Januar 2020 –Zum ersten Mal seit mehr als dreißig Jahren stellt das Rijksmuseum Twenthe im Herbst 2019 eine Ausstellung zusammen, die gänzlich dem zu seiner Zeit berühmtesten, deutschen Porträtmaler Johann Friedrich August Tischbein gewidmet ist. Tischbein war ein Pionier der Romantik – die Epoche, in der Westeuropäer ihr Gefühlsleben entdeckten.

Der Name Johann Friedrich August Tischbein war in Deutschland rund um 1800 ein Begriff. Der berühmteste Porträtmaler weit und breit verewigte Adel und Grossbürgertum innerhalb Deutschlands und über dessen Grenzen hinaus. Mit seiner Malerei galt er als großer Erneuerer. Die von ihm porträtierten Männer, Frauen und Kinder wirken nicht steif und in ihrer Pose versteinert, sondern locker und ungezwungen. Tischbein malte Individuen, die gefühlvolle Blicke aufeinander sowie auf den Betrachter werfen. Er schuf Menschen aus Fleisch und Blut, die eine tiefe Verbundenheit untereinander sowie mit der sie umgebenden Natur verraten. 


Die Ausstellung Johann Friedrich August Tischbein und die Entdeckung der Empfindung entstand in Zusammenarbeit des Palais Het Loo, der Museumslandschaft Hessen-Kassel / Gemäldegalerie Alte Meister sowie des Rijksmuseum Twenthe. 


Zeichen der Zeit

Die Aufmerksamkeit, die Tischbein für zutiefst menschliche Gefühle aufbrachte, war ein Zeichen seiner Zeit. Inspiriert von der Philosophie Jean-Jacques Rousseaus nahmen viele Schriftsteller, Denker und aufgeklärte Bürger am Ende des 18. Jahrhunderts ihr Gefühlsleben sehr ernst. Als Reaktion auf die sehr formellen und gekünstelten Umgangsformen, die bis dahin als Norm galten, sehnten sie sich nach ‘Echtheit’ und ‘Natürlichkeit’. Tischbein vermochte es wie kein anderer, seine Auftraggeber auf eine natürliche und ungekünstelte Manier abzubilden. Dabei büssten die Abgebildeten nichts an Eleganz ein. Er war ein Meister des Idealisierens ‘au naturel’.


Sehnsucht nach Authentizität 

Um die ungezwungene Ausstrahlung und die sensible Natürlichkeit der Porträtierten hervorzuheben, bildete sie Tischbein häufig in der ‘freien Natur’ ab oder er malte sie vor dem Hintergrund einer Landschaft. Einen regelmäßig wiederkehrenden Hintergrund in Tischbeins Porträts stellt der englische Landschaftsgarten dar, welcher Mitte des 18. Jahrhunderts an Popularität gewann und aus dem gleichen Verlangen nach Echtheit und Natürlichkeit geboren wurde. Diese Gärten waren auf eine Weise entworfen, dass einem das Gefühl vermittelt wurde, sich in der freien Natur zu bewegen. Man sorgte sogar für Nachbauten von Ruinen und engagierte Einsiedler, um eine authentische Erfahrung zu garantieren. 


J.F.A. Tischbein, Louise, Museum Haus Doorn


Zuneigung und Gefühl 

Genauso wie das ‘Natürliche’ des Landschaftsgartens ‘konstruiert’ ist, so sind es auch die ungezwungenen Posen auf Tischbeins Gemälden. Doch die Genialität des Künstlers liegt im Anlegen seiner Kompositionen, die glaubwürdig und authentisch wirken. Dessen waren sich seine Auftraggeber bewusst. Ebenso wussten sie von Tischbeins Fähigkeit, dem neu aufkommenden Ideal vom harmonischen Familienleben vortrefflich Ausdruck zu verleihen. Im Mittelpunkt stand dabei die Liebe und Zuneigung, die sich Eheleute schenkten, sowie die Liebe zwischen Eltern und Kindern. ‘Evmpfindsamkeit’ war in seiner Zeit – am Vorabend der Romantik – das angesagte Thema und mit seinen einfühlsamen Porträts berührte Tischbein einen offen liegenden Nerv. 

J.F.A. Tischbein, Die kinder von Prinz Willem V, 1789, Museumpalast 't Loo


Das Natürliche ist das Gute

Es ist nicht zu leugnen, dass sensible Familienporträts immer auch moralisch geladen sind. Der Mann wird häufig als engagierter Vater und die Frau als liebevolle Mutter porträtiert. Frauen werden von Tischbein immer wieder innerhalb häuslicher Abgeschiedenheit dargestellt - in ihrem natürlichen Lebensraum - in liebevoller Umarmung ihrer Kinder. Die Nachricht ist deutlich: Die natürliche Rolle der Frau ist die der liebevollen und daher guten Mutter. Tischbein gelingt es virtuos, diese Idee in einem Familienporträt zu vergegenwärtigen: Eine Frau stillt öffentlich, aber gleichzeitig in intimer Zärtlichkeit, ihr Kind in der freien Natur. Tischbein interpretiert hier Rousseaus Überzeugung des Natürlichen als das absolut Gute auf völlig geniale Weise. 


Ein ehrgeiziges Gemeinschaftsprojekt 

Mit der Ausstellung Johann Friedrich August Tischbein und die Entdeckung der Empfindung bietet das Rijksmuseum Twenthe den Besuchern zum ersten Mal eine ausgedehnte Museumsausstellung zum Oeuvre von Tischbein in den Niederlanden. Der Umstand, dass die Grundlage dieses Projekts auf zwei Tischbein-Sammlungen von international höchstem Rang beruht, verleiht der Ausstellung zusätzlich Relevanz. Viele Tischbeins Gemälde aus dem Palais Het Loo sowie der Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel werden selten als Leihgaben veräußert. Vor allem die Werke aus der Sammlung des Het Loo verlassen die Stilräume des Palais-Museums eigentlich nie. Daher ist es höchst außergewöhnlich, die Gemälde in einem musealen Kontext rezipieren zu können. Diese einzigartige Möglichkeit bietet sich nur, weil sich Het Loo momentan in umfangreicher Renovierung sowie mitten in einem Neubau befindet. Das Palais Het Loo als auch die Gemäldegalerie Alte Meister haben mit Hinblick auf diese Ausstellung einige Hauptwerke von Tischbein restaurieren lassen, woran sich das Rijksmuseum Twenthe im Fall von einigen Gemälden beteiligte.